Lukas Bartl
Deutsch. Demkoratisch. Ruhelos. Gesundheitserzieherische Medien aus der DDR auf der Suche nach Entspannung (1955-1992).
(Arbeitstitel)
Der Anstieg von Geräuschen, Schall und Lärm, von Beschleunigung oder auch Veränderungen althergebrachter Tagesrhythmen – kurzum eine in vielerlei Begriffen gefasste Unruhe – gilt womöglich eines der Kennzeichen der Moderne schlechthin. Wenn dem jedoch so ist, dann muss die menschliche Aktivität des Ruhe Suchens und, im besten Fall, Findens ebenso als ein solches Kennzeichen gelten. Dennoch hat das Phänomen des aktiven Ruhe Herstellens, Suchens und Findens bislang nur wenig Aufmerksamkeit in der historischen Forschung erregt.
Aus einer subjektivierungsorientierten Perspektive will ich mich daher mit Problematisierungen von Unruhe und Praktiken des Ruhe Findens im populären Gesundheitsdiskurs der DDR beschäftigen. Hauptsächlich gestützt auf wissenschaftlichen oder populärwissenschaftlichen Gesundheitsmedien steht die Frage im Fokus, inwiefern Unruhe ein gesundheitliches Problem in der DDR-Gesundheitsliteratur darstellte. Über vier Jahrzehnte hinweg analysiere ich Artikel aus dem populären Gesundheitsmagazin Deine Gesundheit, Fachjournalen und anderen Aufklärungsmedien in gedruckter und audiovisueller Form. Daneben werden auch Eingaben und Briefe aus der Bevölkerung analysiert, um dem eigen-sinnigen Umgang mit Beunruhigungen und psychosomatischen Belastungen nachzuspüren.
Eine Fallstudie anhand der DDR zu betreiben, enthält aus zwei Gründen einen besonderen Reiz, denn sie wirft Licht auf drei Bereiche der DDR-Geschichte, die bislang nur unzureichend aufgearbeitet sind:
1. Auf Gesundheitspraktiken und ihre Vermittlung durch staatliche Medien. Noch immer herrscht in Teilen der sozialwissenschaftlichen Beschäftigung mit der DDR (und den neuen Bundesländern) das Bild einer Gesellschaft ohne gelebte Eigenverantwortung vor. Anhand von Gesundheitsmedien wie der Deine Gesundheit lässt sich jedoch zeigen – wie ich es bereits in einem bald erscheinenden Artikel zum Thema Fitness getan habe – dass gesundheitliche Eigenverantwortung aktiv vermittelt und in der Bevölkerung angenommen wurde. Konkret stehen hier gesundheitliche Techniken der Abhärtung, Autogenes Training, Yoga im Fokus.
2. Auf den Umgang mit den Folgen des technisch-wissenschaftlichen Fortschritts, bezogen auf den eigenen Körper. Zwar ist bereits einiges an Forschung zur Umweltbewegung in der DDR erschienen. Eine näher am Alltag und dem eigenen Wohlbefinden orientierte Betrachtung der Wahrnehmung von Umweltbelastungen und Begleiterscheinungen der industrialisierten Moderne fehlt bislang allerdings noch.
3. Auf Entwicklung und Verbreitung psychologischem Wissens und (Selbst-)Therapeutisierungsformen. Für Westdeutschland haben sich bereits diverse Publikationen dem „therapeutischen Jahrzehnt“ und seinen Folgen angenommen. Für die DDR herrscht jedoch teilweise das nicht haltbare Bild einer präpsychologisierten Gesellschaft vor. Anhand der Untersuchung der Praktiken und Vorstellungen des „Ruhe findens“ ließe sich dieses Bild korrigieren.
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