Veronika Kolomaznik
Der Phallos, ein geschmackloses Sinnbild der Antike? Einblicke in soziale und religiöse Erfahrungsräume der griechisch-römischen Gesellschaften und das Potenzial von Bildwerken.
In meinem Forschungsprojekt habe ich mich mit den zahlreichen antiken Ab- und Nachbildungen eines autonom (also ohne den männlichen Körper) vorgestellten Penis/Phallos befasst. Wie am zusammengestellten Katalog, der über 400 Objekte erfasst, ersichtlich ist, wurde dieser in unterschiedlichen Bildmedien inszeniert und die einzelnen Bildwerke lassen auch heute noch anhand ihrer jeweiligen Funktionen sowie ihrer Entstehungs- und Betrachtungskontexte (Erfahrungsräume) vielschichtige Bedeutungszuschreibungen und Interpretationsansätze zu.
Grundsätzlich ließen sich in den Bildern unterschiedliche Gestaltungsvarianten für den Phallos feststellen, die mit kulturellen Vorstellungen zusammenhängen. Entweder wurde dieser klein und mit langer Vorhaut, die die Eichel verdeckt, gezeigt: In diesen Fällen wurden erotische Schönheit und angemessene Zurückhaltung vermittelt und daher habe ich solche Darstellungen als „schöne“ Phalloi bezeichnet. Am anderen Ende des Spektrums stehen „Obszöne“, also solche, die (über-)lang und mit deutlich sichtbarer Eichel dargestellt wurden und dabei häufig in fantastische Mischwesen wie den Phallos-Vögeln und Phallos-Katzen transformiert wurden. Diese anhand der Bildwerke greifbaren visuellen Obszönitäten wurden je nach ihrem Erlebniskontext unterschiedlich wahrgenommen und mit Bedeutungen aufgeladen. Manches Mal wurden sie als apotropäische Objekte inszeniert und sollten schützende und glückbringende göttliche Mächte beschwören oder sie veranschaulichten als aischrologisches Sinnbild die göttlichen Wirkkräfte im Rahmen von religiösen Festen. Verschiedene Götter und ihre Wirkmächte (darunter v. a. Dionysos) ließen sich häufig mit den Phalloi in Verbindung bringen, wobei Humor, Witz und Gelächter im Angesicht der Götter und entblößten Tatsachen des Lebens dabei stets wichtige Faktoren der assoziativen Wahrnehmung und der sinngemäßen Interpretation der Bildwerke waren.
Am Beispiel des fassentenreichen Dionysos/Bacchus, der im gesamten Mittelmeerraum in seinen verschiedenen Ansprachen und Wirkungsbereichen verehrt wurde, habe ich aufgezeigt, wie seine Wirkmächte mittels der Ab- und Nachbildungen von Phalloi veranschaulicht und unter Beweis gestellt wurden. Der Weinkonsum machte dabei die dionysischen Wirkmächte für die Menschen greifbar und spürbar: Das zeigen v. a. die variantenreichen Phallos-Gefäße, die ab dem 6. Jh. v. Chr. bis ins 2. Jh. n. Chr. hergestellt und in den Trinkrunden verwendet wurden. Die hölzernen Phalloi des Dionysos, also jene, die jährlich im Rahmen der Dionysien in archaischer, klassischer und hellenistischer Zeit als Weihgeschenke durch die Straßen getragen wurden, sind nicht mehr erhalten, doch ihre Wirkungen auf und für die Menschen lassen sich dennoch anhand der Bild- und Schriftquellen nachzeichnen. Schließlich sind uns auch die Phalloi, die als begreifbare Offenbarungsobjekte in den dionysisch-bacchischen Mysterienreligionen enthüllt und mit geheimer Bedeutung aufgeladen wurden, nur noch anhand von Bildern zugänglich. Dennoch geben die ab der Mitte
des 1. Jh. v. Chr. bis ins 2. Jh. n. Chr. weit verbreiteten Bildsujets der Phallos-Enthüllung und der Präsentation eines Phallos im Rahmen einer Initiation Einblicke in die zu erwartenden oder idealisiert vorgestellten körperlichen Erfahrungen der Anhänger der geheimen Mysterien.
Die „schönen“ und „obszönen“ Phalloi sind also nicht stets als geschmacklos zu verstehen, doch eben weil Geschmack und Humor Ansichtssache sind und in manchen Situationen eben Geschmacklosigkeiten zum angebrachten Ton gehören. Die Phalloi erlauben uns also verschiedene Einblicke in soziale und religiöse Erfahrungsräume der griechisch-römischen Gesellschaften und exemplifizieren das grundsätzliche Potenzial von Bildwerken, mit den Handlungs- und Vorstellungswelten der Menschen auf verschiedene Art und Weise in Beziehung zu treten.