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Clemens Wurzinger

Wie Literatur uns berührt – von Immersion und Transformation bei Tibull

Diese Dissertation widmet sich der Frage, wie Tibulls Elegien einen Anstoß dazu geben können die Beziehungen der lesenden RezipientInnen zur Welt zu transformieren. Im Zentrum steht die Hypothese, dass literarische Texte durch spezifische Textstrukturen und performative Angebote die Wahrnehmung und das Selbstverständnis der Lesenden verändern. Die Arbeit basiert auf einer interdisziplinären Verknüpfung der Resonanztheorie Hartmut Rosas mit Theorien der Literaturtheorie, im Speziellen der Rezeptionsästhetik, Performativität und der Emotion Studies. Die Resonanztheorie Rosas betrachtet die Beziehung von Individuen zur Welt als geprägt von Momenten der Offenheit und Verbindung oder der Entfremdung. Literatur, so Rosa, kann eine resonante Verbindung zur Welt ermöglichen, indem sie den Lesenden neue Perspektiven eröffnet. Diese theoretischen Ansätze werden ergänzt durch die Rezeptionsästhetik der Konstanzer Schule (Jauß, Iser), die den Leseprozess als aktiven, sinnkonstituierenden Akt beschreibt, sowie durch die Theorie der Performativität (Austin, Fischer-Lichte), die die Wirkungen sprachlicher und literarischer Performativität untersucht, und die Theorien der Emotion Studies (Winko, Hillebrandt) sowie Immersionstheorien (Ryan, Wolf). Die Dissertation analysiert Tibulls erstes Buch anhand der Close-Reading-Methode. Dabei wird jede Elegie unter verschiedenen Gesichtspunkten betrachtet: Textkritik, Übersetzung, Analyse der stilistischen und rhetorischen Mittel sowie der implizit angelegten emotionalen und ästhetischen Wirkung auf die Lesenden. Im Fokus steht die Frage, wie die Elegien Lesende in eine emotionale und intellektuelle Auseinandersetzung einbeziehen und welche expliziten sowie impliziten Textstrukturen dabei als Angebote zu einer Transformation wirken. Es wird gezeigt, dass Tibull durch die Verwendung von gewissen Leitmotiven, intertextuellen Bezügen, rituellen Szenen und spezifischen stilistischen Mitteln wie Ironie, Wiederholungen und Spannungsaufbau eine komplexe Dynamik auf diversen Ebenen erzeugt. Diese Dynamik kann beim Lesen transformative Prozesse auslösen, die die Art und Weise, wie die Rezipientinnen und Rezipienten sich selbst und die Welt wahrnehmen, nachhaltig beeinflussen. Ein weiterer zentraler Aspekt ist die Einbettung der Texte in den sozio-historischen Kontext der augusteischen Zeit. Die Elegien reflektieren Themen wie Krieg, Frieden, Liebe und Vergänglichkeit und bieten subtile, oft kritische Perspektiven auf die gesellschaftlichen Umwälzungen dieser Epoche. Der Übergang von der römischen Republik zum Prinzipat unter Augustus wird in Tibulls Werk als eine Zeit der tiefgreifenden Transformationen dargestellt, die nicht nur die politische Landschaft, sondern auch individuelle Lebenswelten beeinflussen. Diese historische Perspektive ermöglicht es, die Elegien nicht nur als literarische Werke, sondern als zeitgenössische Reflexionen einer Epoche des Wandels zu verstehen. Die Dissertation leistet einen Beitrag zur Tibull-Forschung, indem sie die Elegien als Medien der Weltbeziehung analysiert und zeigt, dass sie nicht nur historische und literarische Kontexte verhandeln, sondern auch emotionale Effekte bei den Lesenden hervorrufen können. Die Ergebnisse verdeutlichen, dass Tibulls Dichtung durch ihre performativen Strukturen ein Transformationsangebot macht, das über die bloße Rezeption hinausgeht und tiefgreifende Veränderungen im Welt- und Selbstverständnis eines lesenden Subjektes anstoßen kann.

 

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