Anita Scheuermann, née Neudorfer
Klingende Subjekte: Subjektivierungsweisen von Gesangspraktiker*innen im deutschsprachigen Heils- und Therapiemarkt
In den letzten Jahren gewinnen die Begriffe „Heil“ und „Heilung“ ein immer stärkeres Gewicht im populär-religiösen Diskurs, wobei sich ihr Bedeutungsgehalt von einer körperlichen Unversehrtheit hin einem emotionalen Wohlbefinden gewandelt hat. Der entstandene Markt somatischer Praktiken reicht von ‚schamanischer‘ Ahnenheilung, Yoga und dem Channeln von Engeln bis weit in den medizinischen und therapeutischen Dienstleistungssektor. Ein gemeinsamer Nenner der Akteur*innen im Feld ist dabei, die Ablehnung des Primats einer apparatefixierten, pathogenetischen Medizin hin zu einer ganzheitlichen Herangehensweise, welche – so das Diktum im Diskurs – den Menschen und salutogenetisch dessen Seelenheil wieder in den Fokus nimmt. Ein wichtiges Medium für den Heilungsprozess stellt in der Diskursarena das leistungsfreie Singen dar, da es das achtsame auf sich selbst Hören mit der Transzendenzerfahrung einer gemeinsamen klingenden Gruppe verbindet. Um sich diesem Phänomen zu nähern, werden in dieser Studie (1) aus rezenten holistischen und posttraditionalen Singgemeinschaften qualitativ-empirische Daten erhoben und deren eigendynamische Tiefenstrukturen erschlossen, (2) diese in den allgemeinen Diskurs eingebettet und (3) die Ergebnisse religionssoziologisch verortet. Folgende Forschungsfragen stehen dabei im Vordergrund dieser qualitativ-explorativen Studie zu Heilung und Gesang im holistischen Milieu: a) Wie wird ‚Heilung‘ von Individuen sowie im Diskurs konstruiert? Wer oder was wird wodurch ‚geheilt‘? b) In welchem Zusammenhang stehen biografische Deutungen zu diskursiven Aussagen? c) Welche Subjektformen werden hervorgebracht und wie gestaltet sich die subjektive Wissensordnung?Die Arbeit zielt dabei dezidiert nicht auf die Wirkweisen heilsamen Singens ab, sondern versteht sich als Verortung von Subjektivierungsprozessen in diesem Diskursfeld von Gesang, Heilung und Identität, unter besonderer Berücksichtigung eines emischen Verständnisses von Heilung. Dabei werden Aussagen individueller Akteur*innen den Angeboten des Diskurses im Sinne der empirischen Doppelperspektive gegenübergestellt. Damit leistet die Arbeit einen Beitrag zum besseren Verständnis eines populär-religiösen Subjekts in der Spätmoderne und nicht zuletzt zur Typologisierung von resonantem Geschehen in rezenten sozio-religiösen Praktiken.